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Ekkehard Zimmer

 

Mein erstes Schwert

Mit meinen 51 Jahren bin ich deutlich später als alle anderen meiner Vereinskollegen zum historischem Schwertkampf gekommen. Dies tut allerdings meinem Enthusiasmus nicht den geringsten Abbruch, denn für die Themen Fechtkunst, Blankwaffen sowie Kultur des Mittelalters und der Renaissance interessiere ich mich seit meiner Kindheit.

Bei meinen regelmäßigen Erkundungstouren im weltweiten Netz stieß ich irgendwann auf den Artikel der Fechtgruppe Zornhau mit dem Titel »First Steel«. Dieser äußerst empfehlenswerte Artikel berichtet von einem Besuch bei dem Antikwaffenhändler Jürgen H. Fricker in Dinkelsbühl. Es wurden diverse Schwerter und lange Messer von der Gotik bis zur späten Renaissance in Augenschein und in die Hand genommen, fotografiert und vermessen.

Dieser Artikel beflügelte meinen Wunsch, irgendwann einmal  selbst nach Dinkelsbühl zu fahren und, falls irgend möglich, mit einem Original wieder heimzukommen.

Schließlich ergab sich im Oktober 2011 die Gelegenheit, eine Visite bei einem in Karlsruhe lebenden Vetter mit einem Besuch bei Herrn Fricker zu kombinieren. Dieser Vetter, der aus der japanischen Schwertkampfecke kommt, war auch sofort Feuer und Flamme – also wurde mit Herrn Fricker ein Termin ausgemacht, wobei ich erfuhr, dass er mittlerweile umgezogen war. Zum Glück nicht allzuweit entfernt, nach Schloss Honhardt.

Das Dorf Honhardt lebt noch von Land- und Holzwirtschaft, Fachwerkhäuser prägen das Ortsbild, und in der Mitte des Dorfes erhebt sich das Schloss: eine Wehranlage mit Graben, Mauer und Tor. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem 8. Jahrhundert und der älteste erhaltene Teil ist der Bergfried aus dem 11. Jahrhundert. Wir waren schon einmal ehrlich beeindruckt. Wir kamen ans Tor, läuteten die Glocke, hörten Hunde bellen und mussten erst einmal warten, bis diese auf Nummer sicher gebracht waren. Es öffnete Herr Jürgen Fricker persönlich:

  • Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Historische Waffen,
  • Mitglied der Gesellschaft für Historische Waffen- und Kostümkunde,
  • Sachverständiger und Sekretär des Kuratoriums zur Förderung historischer Waffensammlungen,
  • seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts sammelnder Kunst- und Waffenhändler.

Zum Sammeln scheint er geboren, fand er doch sein erstes Schwert als 12-Jähriger in einem schwäbischen Bach.

Mein erster Eindruck war der eines sympathischen Gentlemans. Angegrautes schulterlanges Haar und Bart, schlank, mit offenem Blick. Er hieß er uns willkommen und gewährte Einlass. Es war wie ein Schritt in eine andere Welt. Schon im Burghof fanden sich diverse Kanonen und in der Diele im Bergfried genügend Rüstungen, Pavesen, Hellebarden, Glefen, Mörser und mehr, um eine Kompanie auszurüsten.

Weiter ging es in das erste Geschoss – und dort befanden sich neben Stein- und Radschlosspistolen, Arkebusen und Jagdflinten, Armbrüsten und Kugelschnäppern schließlich die Blankwaffen, derentwegen ich die Reise unternommen hatte.

Herr Fricker entpuppte sich als angenehmer Gesprächspartner, der viel Wissenswertes zu berichten wusste, sich aber auch gerne von den »Praktikern« das eine oder andere erzählen ließ.

Zunächst aber schien er uns wohl ein wenig testen zu wollen, um zu sehen, mit wem er es da eigentlich zu tun hatte. Er zeigte uns eine katana-ähnliche Klinge, die eine Kunde »dagelassen« hatte, und fragte nach unserer Meinung. Nicht mein Spezialgebiet, aber mein Vetter wusste dieses oder jenes dazu zu sagen. Jedenfalls schienen wir den Test bestanden zu haben, denn wir durften jedes Stück, das uns gefiel, in die Hand nehmen und ausgiebig begutachten. Was für ein Fest! Allerdings – um alle Waffen, die mich interessierten, in die Hand zu nehmen, hätte es wohl eines Wochenendurlaubes auf Schloss Honhardt bedurft. Es kamen also nur die Blankwaffen vom 15. bis 17. Jahrhundert in Frage, vor allem die »anderthalbhändigen«, die langen Schwerter.

Zunächst nahm ich ein Landsknechtschwert mit typischer 8-förmiger Parierstange, vom Aussehen wie ein Katzbalger, aber als Zweihänder, von der Wand. Zu meiner Überraschung war die Waffe sehr gleichmäßig ausbalanciert und die Klinge sehr steif. Obgleich gar nicht kopflastig, war doch zu spüren, dass dieses Schwert nicht für das schöne Fechten, sondern für die Hiebe in der Schlacht gemacht war.

Überhaupt war bei jeder Waffe sehr genau zu spüren, wie sie eingesetzt werden wollte. Die meisten waren sehr viel kopflastiger, als wir das von unseren Trainingswaffen her gewohnt sind, die in der Regel recht ausgewogen ausbalanciert sind. Es gab einen sächsischen Stoßdegen, der, nach vorne ausgerichtet, einen geradezu mit sich zog, oder ein gotisches Langschwert, mit auffallend steifer Klinge und gleichfalls einer gewissen Kopflastigkeit.

Ich fragte Herrn Fricker, welches der Schwerter denn einen besonderen Eindruck bei den Kollegen von Zornhau gemacht habe, und er verwies – natürlich – auf das gotische und auf ein »Schlachtschwert« vom Ende des 16. Jahrhunderts, mit Eselshufen und S-förmiger Parierstange. Dieses war mir auch aufgefallen.

Also von der Wand in meine Hände und durch die Huten geführt – da waren wir uns einig: Dieses Schwert passt wie angegossen!

Es handelt sich um ein deutsches Schlachtschwert, von ca. 1580 mit durchgehender Hohlkehle bis zum Ort. Auf der Fehlschärfe jeweils zwei schmale Züge mit Schmiedemarken. Parierstange S-förmig, horizontal gebogen. Endknäufe mit punzierten Messingkappen. Birnenförmiger vernieteter Knauf, ebenfalls mit punzierter Messingkappe. Gehilz mit Leder überzogen und intakt. Gesamtlänge 132,5 cm. Klingenbreite beim Kreuz: 40,1 mm, bei 1/3: 34 mm, 28 mm vor Ort: 23 mm, Scharten wurden ausgeschliffen, es fehlen bis zu 4 mm. Klingendicke beim Kreuz: 8 mm, bei 1/3: 5 mm, 20 mm vor Ort: 2,5 mm. Eine gewisse Schärfe der Schneide ist noch vorhanden. Die Klinge ist sehr flexibel, fast wie bei unseren Fechtschwertern. Dies mag aber dem Umstand geschuldet sein, dass sie über die Jahrhunderte einiges an Material lassen musste. Sie war sicherlich ursprünglich weniger flexibel als es heute der Fall ist. Gewicht 1682 g, etwas kopflastig, Schwerpunkt bei 100 mm vor dem Kreuz. (siehe Hammaborg Maßblatt)

Die Entscheidung für den Erwerb dieses Schwerts fiel mir leicht, und der Rest des Besuchs ist schnell erzählt, da irgendwann meine Aufnahmefähigkeit einfach aufgebraucht war. Ich hatte eine Überdosis an Blankwaffen, Rüstungen, Kugelschnäppern und Hellebarden zu verdauen. Wir verabschiedeten uns schließlich und bei mir mit der festen Absicht, im nächsten Jahr einen weiteren Stopp in Honhardt zu machen.

Das Schwert ist wohlbehalten bei mir zu Hause angekommen. Ich nehme es noch immer fast täglich zur Hand, mache Übungen und erfreue mich an diesem kostbaren historischen Stück.

Ich werde von fast jedem gefragt, was es denn gekostet hat. Nun, wer sich ein Original des 15./16. Jahrhunderts anschaffen will, sollte bei einem fünfstelligen Betrag nicht in Ohnmacht fallen müssen. Die mir bekannten Preise reichen von ca. € 6.000,– für einen kursächsischen Prunkdolch von 1580, bis zu € 24.000,– für einen perfekt erhaltenen Landsknechtsdolch, samt Lederscheide von 1490. Nach oben dürften die Grenzen wohl offen sein.

Wer sich mit dem Gedanken trägt eine solche Investition zu tätigen, sollte bedenken, dass die Qualität das entscheidende Kriterium ist. Alter, Qualität, Zustand, Häufigkeit und Herkunft eines Stückes bestimmen den Preis. Lässt sich dem Objekt noch eine bestimmte Historie zuordnen, vervielfacht sich der Preis. Man sollte lieber wenige und dafür höherwertige Objekte kaufen, um später einmal das gute Stück zu einem passablen Preis wieder verkaufen zu können. Für eine kurzfristige Geldanlage taugen historische Waffen sicher nicht, aber auf mittlere bis längere Sicht gesehen scheint mir das Geld besser angelegt als in Aktien.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende erzählt, da ich mittlerweile den Schmied meines Vertrauens damit beauftragt habe, eine fechttaugliche Kopie herzustellen.

Ich werde berichten …

  • Wer Näheres über das Kunsthaus für historische Waffen Fricker erfahren möchte, dem sei http://www.fricker-historische-waffen.de empfohlen. Interessant sind auch die dort vorhandenen Presseartikel.
  • Wer über die Herkunft der Schmiedemarken etwas zu sagen weiß, möge sich bitte mit mir über diese Website in Verbindung setzen. Nach Wendelin Boeheims »Handbuch der Waffenkunde« könnten die Marken nach Brescia verweisen.