Archiv | Wie ein Ritter sich rüstet

Das Anlegen eines Harnisches erfolgt von unten nach oben. Im Beispiel handelt es sich um eine Nachbildung eines hochgotischen Reiterharnisches im deutschen Stil um 1480. Die Materialstärke beträgt einheitlich 1,5 mm; die Stärke der Bleche historischer Originale hingegen variiert: Stellen, die dem Gegner zugewandt sind, sind erheblich dicker (3 mm und mehr) als solche, die schwer zugänglich sind (z.B. 0,7 mm). Die komplette Rüstung wiegt 29,5 kg und ist eine Maßanfertigung. Rüstungen von der Stange waren zwar auch im Mittelalter üblich, doch nur ein absolut paßgenauer Harnisch gewährleistet ein Maximum an Bewegungsfreiheit.

Unter der Rüstung werden Lederschuhe, Hosen und ein Wams getragen. Letzteres dient vor allem der Polsterung, um ein Scheuern des Brust- und Rückenpanzers zu vermeiden.

Als erstes werden die Harnischschuhe angezogen. Die Ferse ist auf der Außenseite durch ein Scharnier mit dem vorderen Teil verbunden. Auf der Innenseite werden beide Teile mit einem umlegbaren Haken verschlossen.

Der Schuh ist elffach geschoben und endet in einer spitzen Abschlußfolge.

Die Bein- oder Unterschenkelröhren bestehen aus zwei Hälften, die außen mit zwei Scharnieren verbunden sind. Der Durchmesser beider Teile ist nahezu identisch, so daß sie allein durch die elastische Beschaffenheit des Stahls zusammenhalten. Zusätzlich jedoch werden sie auf der Innenseite mittels einer Schnalle und eines Lederriemens gesichert.

Im oberen Bereich ragt je ein Dorn oder Bolzen aus der Beinschiene heraus. Hierüber wird eine entsprechende Öffnung in der Abschlußfolge des Kniegeschübes geschoben und somit am ihrem Platz gehalten.

Das restliche Beinzeug besteht aus mehrfach geschobenen Diechlingen, im Beispiel sehr hohe Exemplare, die aus Unter- und Oberdiechling bestehen, wobei letzterer fast bis an die Leiste heranreicht.

An den Unterdiechling angenietet ist der Kniebuckel mit oben und unten je drei Folgen.

An der Seite befindet sich eine mit Scharnieren angehängte Streifschiene, die die Außenseite der Oberschenkel schützt.

Diechlinge und Kniebuckel werden auf der Rückseite mit jeweils drei Riemen verschlossen.

Für die obere Aufhängung haben sich keine historischen Originale oder Beschreibungen erhalten. Im Beispiel werden die Oberdiechlinge mit je zwei Riemen an einem Leibgurt, der auf den Hüften ruht, befestigt. Alternativ ist eine Befestigung mit Nestelbändern.

Brustpanzer und Rückenplatte werden angelegt. Im Beispiel wird der Rücken am Halsausschnitt mit zwei Öffnungen über aus der Brustplatte herausragende Zapfen geschoben. Historische Originale sind häufig mit Schnallen und Lederriemen versehen.

Seitlich unter den Armen werden zusätzlich zwei Zapfen durch Löcher im Brustpanzer geführt, die anschließend mit umlegbaren Hebeln zusätzlich gesichert werden. Auch hier halten allein durch die Elastizität des Materials beide Teile von allein zusammen.

Hier wird der Bart aufgesteckt. Ein zentraler Stecker sichert ihn auf dem Brustpanzer und zur Sicherheit wird er mit zwei Aussparungen über die bereits erwähnten Zapfen im Schulterbereich des Brustpanzers gesteckt. Alternativ wäre eine Befestigung im Nacken mit einem Lederriemen.

Das Armzeug, bestehend aus Ober- und Unterarmröhre sowie der Armkachel, wird ebenfalls in den Schulterzapfen eingehängt. Diese Befestigung ist für einen deutschen Harnisch äußerst ungewöhnlich und würde sich eher an italienischen Modellen finden. Deutsche Armzeuge bestanden in der Regel aus drei separaten Einzelteilen, die individuell am Rüstwams angenestelt wurden.

In den Armbeugen sind die Röhren jeweils zweimal geschoben, um zusätzlichen Schutz zu bieten.

Die siebenfach geschobenen Schultern mit daran befestigten Schwebescheiben, die die Achselhöhlen schützen, werden eingehängt.

Anschließend wird eine obere Öffnung in den Schulterzapfen mit einem Lederband gesichert, um so das Abrutschen der einzelnen daran befestigten Teile zu verhindern.

Die Panzerhandschuhe werden angelegt. Jeder einzelne Finger wird durch sechs bis sieben Lamellen, die auf einen Lederstreifen aufgenietet sind, geschützt.
Der Helm, eine Schaller, wird aufgesetzt und unter dem Kinn mit einem Lederriemen gesichert.
Sind der abschlächtige Bart und das aufschlächtige Visier geschlossen, ist der Kämpfer fertig gerüstet. Die Sicht ist allerdings äußerst eingeschränkt, so daß ein Kampf auf diese Weise nur für den Einsatz zu Pferde mit Lanzen wahrscheinlich ist. Abgesessen wurde das Visier wieder geöffnet, wie zeitgenössische Handschriften belegen.
Als letztes fehlt nur noch eine angemessene Bewaffnung.

Zum Abschluß noch eine Rückansicht des kompletten Harnischs.

 

Plattnerarbeit von Marek & Jizba (bestarmour.com)

 

© alle Fotos: Hendrik Schomburg