Archiv | Ein Besuch in Wien

Dierk Hagedorn

Ein Besuch in der Wiener Hofjagd- und Rüstkammer

Nach Wien, sagte meine Frau, ich möchte so gerne wieder einmal nach Wien. Also lud ich sie zum Geburtstag dorthin ein, denn ich selbst mußte ebenfalls dringend nach Wien, um die Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums zu besuchen. Denn dort befindet sich der berühmte Reiterharnisch des Erzherzogs Siegmund (den er jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nie selbst getragen hat, nachdem er ihn anläßlich seiner Vermählung von seinem Vetter Maximilian zum Geschenk erhalten hatte). Der Harnisch gilt - laut Katalog des Kunsthistorischen Museums - als der »reichste, kostbarste und vollständigste [...] der deutschen Spätgotik«, hergestellt um 1485 von Lorenz Helmschmied, dem Hofplattner Kaiser Maximilians I. Insbesondere dem Helm dieses Harnisches ist es zu verdanken, daß ich mich in jungen Jahren den Rittern und ihren stählernen Outfits zugewandt habe. So einen Helm wollte ich auch einmal haben. Jahrzehnte später stellte dieser Harnisch tatsächlich das Vorbild für meine eigene Rüstungsreplik dar, die allerdings auf den überbordenden Reichtum der Dekoration und der Oberflächenbehandlung weitgehend verzichtet. Eine deutlich schlichtere (aber bezahlbare) Variante, die sich im Vergleich mit dem Original zwar die eine oder andere Freiheit herausnimmt, ihre Herkunft jedoch nicht verleugnet. Lediglich die Handschuhe sind vielleicht etwas grobschlächtig geraten.

Da ich kurz zuvor in der Londoner Wallace Collection die unangenehme Erfahrung gemacht hatte, daß das Fotografieren nicht gestattet gewesen war, und bei einem Besuch in Berlin die Waffensammlung des Deutschen Historischen Museums aufgrund von Renovierungsarbeiten unzugänglich vorgefunden hatte, hielt ich einen Anruf im Wiener Museum für sinnvoll, um möglichen Enttäuschungen vorzubeugen. Mein Gesprächspartner war Herr Dr. Beaufort-Spontin, der Direktor der Sammlung. Ja, der sogenannte Erzherzog Siegmund sei da, ja, das Fotografieren sei erlaubt, und ich solle doch, bitteschön, gerne am kommenden Montag um 14 Uhr bei ihm vorsprechen. Ich war sofort recht aufgeregt und begann, Stunden zu zählen.

Endlich war ich in Wien, endlich ging ich ins Museum, endlich stand ich vor ihm. Sogenannter Siegmund. Alter Knabe. Im Original ungleich prächtiger als es die beste Abbildung erahnen läßt. Jede einzelne Platte, und sei sie noch so klein, war aufs allerfeinste gearbeitet, und nicht nur, daß die Oberfläche ohnehin mit einer Vielzahl von Graten dekorativ überzogen war, überdies waren zahlreiche punktierte Linien zur weiteren Belebung der Fläche ins Metall geschlagen, filigrane durchbrochene Muster aus dem Metall herausgearbeitet worden, feine Einzelheiten, die nur aus allernächster Inspektion erkennbar waren. Einen etwas unwürdigen Anblick bot lediglich das herabgesunkene obere Geschübe des Bartes, so daß der Erzherzog mit offenem Mund herumstand.

Es wurde Zeit, Herrn Dr. Beaufort zu treffen. Als kleines Gastgeschenk hatte ich ihm einige Fotoabzüge mitgebracht, auf denen ich in meiner eigenen Rüstung stecke. »Hm, hm, ja, ja, sehr schön, sehr schön. Zumal, wenn man den Preis bedenkt, den Sie gezahlt haben. Für ein Drittel Ihres kompletten Harnisches hat uns übrigens der Plattner Walter Suckert ein Paar Hentzen hergestellt. Die müssen Sie sich nachher einmal anschauen, die werden gerade vergoldet. Und Ihre Fotos, die nehmen Sie einmal mit, die zeigen wir jetzt unseren Restauratoren.«

In der Werkstatt, einem luftigen hellerleuchteten Raum, war alles ruhig und sauber, nur ein orientalischer Säbel und ein stählerner Rundschild lagen auf weißen Tischplatten herum, und in einem Schraubstock steckte aufrecht eine einzelne Degenklinge ohne Gefäß.
Grüß Gott, grüß Gott, die Frau Restauratorin, der Herr Restaurator.
Möchten Sie einen Kaffee? Ein Orangenbonbon? Gerne, danke.
»Hm, ja, sehr nett«, sagte die Restauratorin angesichts meiner Fotografien. »Lediglich die Handschuhe sind vielleicht etwas grobschlächtig geraten. Und Sie tragen Ihre Rüstung also? Auch zum Kämpfen?«
»So ist es«, sagte ich, »lästig ist nur, daß bei jedem Hieb auf den Helm das Visier herunterschlägt und mich für Augenblicke der Sicht beraubt.«
Da ließ sich Herr Beaufort vernehmen: »Aber da gab es doch Sperren, die das Visier offen hielten.«
»Nicht bei der deutschen Schaller«, antwortete ich vorlaut, »jedenfalls nicht, daß ich wüßte.«
Nun die Restauratorin: Drucksperren gebe es durchaus, allerdings am unteren Helmrand, um das Visier am unfreiwilligen Aufschlagen, z.B. durch einen Lanzenstoß, zu hindern. Aber von einer oberen Arretierung wisse auch sie nicht. Jedenfalls könne sie sich nicht erinnern.
»Na, dann wollen wir doch einmal nachschauen.«
»Nachschauen?«
»Wir machen einfach eine Vitrine auf und holen einen Helm heraus. Und Sie kommen auch mit«, wandte sich Herr Beaufort an die beiden Restauratoren.
Denn, so vertraute er mir an, er bekomme zwar die Vitrinen stets erfolgreich auf, bringe sie jedoch nur mit Mühen wieder zu. Dies dürften die anderen dann machen.
Zuvor aber mußte ich die tadellosen suckertschen Ersatzhentzen goutieren, die, frisch blattvergoldet, auf zwei Marmeladengläsern staken, um dort zu trocknen. Sodann hieß es, weiße Handschuhe anzuziehen, um durch den Handschweiß nicht die wertvollen Exponate zu gefährden.

Auf die Frage, wie denn die zahlreichen Rüstungen vor Korrosion geschützt würden, wurde mir erklärt, daß sie mit Leinöl eingepinselt würden, das dann fünf Tage aushärtete. Eine etwas langwierigere Prozedur als das Putzen mit dem Ballistollappen, wie ich es pflege.

Bevor es allerdings endgültig in die Sammlung zurückging, sollte ich noch kurz den herumliegenden Säbel in die Hand nehmen. Weiterhin wollte der italienische Rundschild aus der Mitte des 16. Jahrhunderts bewundert werden, der in aufwendiger Restaurationsarbeit von dicken Schichten Ölfarbe befreit worden war, so daß der große figurative Reichtum wieder zugänglich gemacht werden konnte.

Endlich machten wir uns mit einem Servierwagen, wie man ihn aus Jugendherbergen kennt, auf den Weg. Wie versprochen, wurde eine Vitrine geöffnet und ein Helm herausgeholt, eine sogenannte Schallerkombination, um 1495 für Maximilian I von Lorenz Helmschmied gefertigt. Ehe ich es mich versah, hatte ich ihn auch schon auf dem Kopf.

Nun handelte es sich bei diesem Exemplar um eine Spezialanfertigung, bei der beide Teile, Helm und Bart, untrennbar am Visierscharnier miteinander verbunden waren. Dieses Sondermodell jedenfalls besaß zwar mancherlei Drucksperren für den mehrteiligen Bart, jedoch keinerlei Arretierung, die das Visier im aufgeschlagenen Zustand fixiert hätte. Der Helm wurde mir vom Kopf genommen und auf sein Gestell verbracht, und als ich mich umwandte, hatte der sogenannte Siegmund keinen Helm mehr auf.

DER Helm lag vor mir, auf weißem Zellstoff auf dem Servierwagen. Ich durfte ihn ganz aus der Nähe betrachten. Ich durfte ihn berühren, streicheln und liebhaben. Ich durfte ihn anheben und das Visier öffnen. Keine obere Arretierung. Aber ein eigentümlicher Bügel war auf Höhe der unteren Sehschlitzkante beidseitig an der Helmglocke festgenietet. Vorne, breiter werdend, wies er eine der Visierform angepaßte abgeflachte Spitze auf. Niemand konnte mir erklären, wozu dieser Bügel gedient haben mochte. Um das Visier daran zu hindern, allzuweit nach unten abgeschlagen zu werden? Dafür gab es die entsprechende Sperre auf der rechten Seite. Eine spätere Ergänzung, um dem Visier mehr Halt zu geben? Denn dieses war bedauerlicherweise schon recht ausgeleiert, so daß es sich nicht mehr von alleine oben halten konnte. Der Helm besaß eine ungewöhnlich breite und voluminöse Helmglocke, die die seitlichen Scharniere des Visiers möglicherweise einer besonderen Beanspruchung ausgesetzt hatte. Insgesamt wies der Helm einige weitere Gebrauchsspuren auf. So war beispielsweise das am unteren Rand entlanglaufende Lilienornament aus Messing an mehreren Stellen beschädigt, und die gesamte Helmoberfläche wies winzige Kratzer auf. Eine Folge von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für müßige Soldaten der k. u. k-Monarchie, die zum Polieren der Waffensammlungsstücke abkommandiert worden waren und nicht immer die nötige Sorgfalt hatten walten lassen, wie sich an anderen Rüstungen teilweise noch drastischer erkennen ließ. 

Laut Katalog war der Schaller weiterhin »die links angesteckte Federhülse« abhanden gekommen, allerdings fehlte nicht nur besagte Hülse, sondern überdies jedweder Hinweis wie Niete oder Öffnung auf das ehemalige Vorhandensein derselben. Hingegen gab es im Scheitelpunkt des Helmkammes eine kleine schlüssellochförmige Öffnung, die möglicherweise auf einen ehemals dort einsteckbaren Federschmuck hindeutete. Der Kamm wurde im übrigen von feinen einpunzierten Zierlinien gesäumt, und auch die Helmglocke zeigte, auf Sehschlitzhöhe umlaufend, diesen Oberflächenschmuck. Auf der Innenseite wies der gesamte Helm deutlich sichtbare, zum Teil erstaunlich grobe Hammerspuren auf.

Ob ich wohl auch diesen Helm gerne einmal würde aufsetzen wollen, wurde ich gefragt.
Um alles in der Welt. Welche Frage. Da der Helm keinerlei Futter aufwies (von einem schmalen Band dunklen Leders, das sich auf Sehschlitzhöhe um den Hinterkopf zog, einmal abgesehen), es aber nicht zu verantworten war, ihn mir aufs bloße Haupt zu setzen, holte Herr Beaufort (aus welcher Ecke auch immer) einen Kopfkissenbezug hervor, der zur Polsterung und zum Schutz in den Helm gelegt wurde. Sodann wurde ich mit dem prächtigsten Ritterhelm der ganzen Welt gekrönt.

Unseligerweise mußte er aber dann doch schlußendlich zurückgebracht werden, und bei dieser Gelegenheit wurde dem sogenannten Erzherzog Siegmund gleich noch der Bart geschlossen. Richtig so.


Vorher

Nachher

Da aber das Visier dieses Wunderhelmes nur mit manueller Unterstützung obengehalten werden konnte und außerdem der besagte Bügel unschön das Gesicht teilte, wurde es für notwendig erachtet, zur Kontrolle eine weitere Schaller heranzuziehen. Diese war, wiederum aus der Vitrine, ein Exemplar, das vermutlich von Hans Grünewalt um 1480/85 ebenfalls für Maximilian angefertigt worden war. Hier gab es ein funktionsfähiges Visier, das von allein offen blieb, keinen Bügel und lediglich eine einzelne Drucksperre für das Visier am unteren Helmrand. Beim Öffnen des Visieres zeigten sich darunter verborgen gewesene bräunliche Flecken, denen aber auf den ersten Blick nicht anzusehen war, ob sie vom Leinöl herrührten oder am Ende auf Rost hindeuteten. Es wurde beschlossen, diese Flecken baldmöglichst einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.

Nachdem auch dieser Helm wieder verstaut worden war, wurde ich gebeten, doch noch ein Schwert zu probieren, ein als »gotisches Reiterschwert« bezeichnetes süddeutsches Schwert von ca. 1495. Die Klinge und der mit Messing und Horn verzierte Holzgriff  befanden sich in erstklassigem Zustand. Ein Detail, das mir als bemerkenswert auffiel, waren flache sinuskurvenförmige Verdickungen kurz vor dem Ort auf den Flächen der Klinge, vermutlich, um die Spitze bei einem Stich zu stärken.

Unterdessen waren mehr als drei Stunden vergangen, und meine Frau fror in der Kälte vor dem Museum. Überdies nahten inzwischen die nächsten Gäste des Herrn Beaufort, und so verabschiedete ich mich aufs allerherzlichste. Ich trat ins Freie und schloß meine Gattin in meine seligen Arme.

 

Zur Lektüre empfohlen:

Katalog der Leibrüstkammer
I. Teil, Der Zeitraum von 500 bis 1500
Kunsthistorisches Museum
Verlag Anton Schroll & Co., Wien
ISBN 3-7031-0417-1

Hier insbesondere:
Schallerkombination A 110: S. 115f, Abb. 43
Küriß A 62: S. 108ff, Abb. 34, 35
Schaller A 60: S. 97
Gotisches Reitschwert A 143: S. 186, Abb. 96


Eine berühmte Rüstung mt einem etwas debilen Gesichtsausdruck ...


... und einmal ganz ohne Gesicht


Ein güldener Kempfküriß - noch ohne Hände


Eine Schaller-Bart-Kombination, Spezialanfertigung für einen künftigen Kaiser


Dieselbe von der Seite


Eine Schaller wartet in ihrer Vitrine auf Bewegung


Ebenfalls von der Seite


Sich spiegelnder Fotograf vor gotischem Reiterschwert